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Was versteht man unter Risiko?

Im Alltag wird der Begriff „Risiko“ oft in der Bedeutung von „Wagnis“ verwendet. Dies ist jedoch nicht ganz richtig. Vielmehr handelt es sich bei einem Risiko um ein Ereignis oder eine Entscheidung mit unbestimmtem Ausgang: Der erhoffte oder befürchtete Fall kann eintreten, vielleicht aber auch nicht. Die Entscheidung, die wir treffen, kann zu dem gewünschten Ziel führen, es kann aber auch schiefgehen. In der Wissenschaft gibt es keine eindeutige Definition des Begriffs „Risiko“. Dementsprechend wird er in unterschiedlichen Fachdisziplinen, etwa in den Ingenieurs-, Wirtschafts- oder Gesellschaftswissenschaften, unterschiedlich verwendet. Es lässt sich jedoch ein kleinster gemeinsamer Nenner ausmachen: Allgemein spricht man von einem Risiko, wenn die Möglichkeit eines Schadens oder eines Verlustes besteht, der die Folge eines Ereignisses oder einer Handlung ist.

Auto- und Motorradfahrer So gesehen beinhaltet jede Verkehrsteilnahme ein Risiko: Es besteht stets die Möglichkeit, bei einem Unfall verletzt oder getötet zu werden. Dieser Gefahr sind sich jedoch viele Menschen nicht bewusst. Merkwürdigerweise fürchten sich mehr Menschen vor Flugreisen als vor der Verkehrsteilnahme mit dem Auto, dem Motorrad, dem Fahrrad oder zu Fuß. Dabei ist das Fliegen objektiv viel sicherer. Bei der Verkehrsteilnahme bilden wir uns allerdings ein, (fast) alles unter Kontrolle zu haben. Ein Trugschluss: Mehr als 300.000 Unfälle mit Personenschaden in Deutschland (2014) belegen dies.

In den Naturwissenschaften und der Mathematik versucht man, Risiken rechnerisch abzuschätzen und zu ermitteln. Dabei werden sowohl die Eintrittswahrscheinlichkeit als auch die Höhe möglicher Schadensereignisse berücksichtigt. Das Risiko wird als Produkt aus diesen beiden Größen verstanden. Ist die Eintrittswahrscheinlichkeit des Schadens groß, wird man auch einen eher kleinen Schaden ausschließen wollen. Ist diese sehr gering, akzeptiert man möglicherweise auch einen höheren Schaden, wenn die Verhaltensweise einen Nutzen verspricht. Auch beim erwarteten Nutzen werden die Eintrittswahrscheinlichkeit und die Höhe zueinander in Bezug gesetzt: Der Lottospieler weiß zwar, dass die Gewinnwahrscheinlichkeit niedrig ist. Der mögliche Gewinn ist jedoch so hoch, dass er sein Glück dennoch Woche für Woche erneut versucht.

Risikofaktor: Überholen Es gibt kein Sinnesorgan, mit dem man „das Risiko“ wahrnehmen kann. Vielmehr schreiben Menschen bestimmten Objekten, Situationen, Ereignissen oder Handlungen bestimmte Risiken zu. Dabei lassen sich erstaunliche Beobachtungen machen: Anscheinend halten Menschen Risiken, die sie freiwillig eingehen (beispielsweise beim Sport) für geringer als solche, die man von außen an sie heranträgt (beispielsweise beim Ausführen bestimmter Arbeiten im Beruf). Risiken, die man glaubt kontrollieren zu können (zum Beispiel schnelles Autofahren), werden als weniger bedrohlich empfunden als solche, denen man sich ausgeliefert fühlt (zum Beispiel Schadstoffe in der Umwelt oder in Lebensmitteln).

Offenbar haben verschiedene Menschen unterschiedliche Grundeinstellungen zum Risiko. Dies liegt in ihrer Persönlichkeitsstruktur begründet. Manche sind bereit, höhere Risiken einzugehen und empfinden dabei einen Nervenkitzel. Andere hingegen versuchen eher, Risiken zu vermeiden und sind dahingehend eher zurückhaltend und vorsichtig. Insbesondere jüngere Männer neigen verstärkt dazu, Risiken aufzusuchen. Dabei ignorieren sie Gefahren und überschätzen ihre Fähigkeiten. Allerdings gibt es auch innerhalb einer Person Unterschiede in der Risikobereitschaft. Dies liegt daran, dass Risikoentscheidungen auch von der Situation abhängen, in der man sich befindet. Emotionen wie Ärger, Wut und Euphorie können eine Risikoentscheidung ebenso beeinflussen wie etwa Müdigkeit oder die Anwesenheit anderer Personen. Die Forschung zeigt, dass Menschen nur auf wahrgenommene Risiken mit Vorsicht reagieren. Das heißt, sie müssen mögliche Gefahren erkennen, um sie in ihre Risikoentscheidung einzubeziehen. Tritt - zum Beispiel bei einer langen Autobahnfahrt - ein Gefühl der Langeweile auf, kann dies dazu führen, Risikosituationen bewusst oder unbewusst aufzusuchen.

Die Bereitschaft, Risiken einzugehen, war und ist Voraussetzung für die Entwicklung der Menschheit. Kolumbus konnte Amerika nur entdecken, weil er bereit war, das Risiko der Fahrt ins Ungewisse einzugehen und dabei das mögliche Scheitern hinzunehmen. Auch heute birgt beispielsweise die Einführung neuer Technologien wie die Gentechnik oder das Fracking bei der Gas- und Ölförderung neben den Chancen auch immer Risiken. Wir alle sind mit dem Wechselspiel von Chancen und Gefahren konfrontiert.

Bungeespringen, Surfing, Gleitfliegen Dieses Wechselspiel zeigt sich auch in der Mobilität. Sie eröffnet uns neue Handlungsräume und ermöglicht es rasch von einem Ort zum anderen zu gelangen und Güter und Waren zu transportieren. Insbesondere die Fortbewegung mit einem Fahrzeug dient einigen jedoch nicht nur der raschen Ortsveränderung. Sie versuchen damit auch so genannte Extra-Motive zu verwirklichen: zum Beispiel das Ausleben von Macht und Stärke, sich gegenüber anderen überlegen zu fühlen oder eben das Erleben des Nervenkitzels, der mit dem schnellen Fahren verbunden wird. Auch dies ist ein „Nutzen“, der dazu verleiten kann, Risiken einzugehen.

Eine Mobilität, die sich ganz ohne Risiko und ganz ohne Unfälle vollzieht, ist nicht denkbar. Diese Erwartung wäre praxisfremd und nicht der Natur des Menschen entsprechend. Die Aufforderung, alle Risiken zu vermeiden, führt in letzter Konsequenz zum vollständigen Stillstand; es dürfte keinerlei räumliche Mobilität mehr stattfinden . Gefragt ist vielmehr die so genannte Risikooptimierung, nämlich das für die jeweilige Situation und Person optimale Verhältnis aus potenziellem Nutzen und potenziellem Schaden abzuwägen und daraus die richtige Entscheidung abzuleiten. Dies gilt auch für den Straßenverkehr: Es ist offenkundig, dass viele insbesondere schwere Unfälle vermieden werden könnten, wenn Auto und Motorrad Fahrende die Risiken besser erkennen und einschätzen und in bestimmten Verkehrssituationen Verhaltensweisen mit geringerem Risiko wählen würden.

Der Schlüssel hierzu liegt in der so genannten Risikokompetenz: Darunter versteht man die Fähigkeit, unmittelbare Nutzen/Chancen und Gefahren/Schäden eines Verhaltens sowie dessen längerfristige Folgen zu erkennen, zu bewerten und die Situation risikooptimal zu bewältigen. Dazu gehören mehrere Elemente: die Risikowahrnehmungskompetenz (z.B. die Fähigkeit gefährliche Verkehrssituationen von ungefährlichen zu unterscheiden), die Risikoentscheidungskompetenz (z.B. aus mehreren Verhaltensmöglichkeiten die richtige auszuwählen), die Risikohandlungskompetenz (z.B. ein Fahrmanöver richtig ausführen zu können) sowie die Risikofolgeneinschätzung (z.B. mögliche Folgen eines Unfalls zu kennen). Gerade vor dem Hintergrund der Folgeneinschätzung ist es ratsam, sich in Entscheidungssituationen vor Augen zu halten, wie groß der Nutzen einer riskanten Verhaltensweise wirklich ist und wie lange wir gegebenenfalls unter den Folgen leiden würden.

Risikokompetenz kann trainiert werden. Eine Möglichkeit dazu sind die Sicherheitstrainings bzw. Sicherheitsprogramme des DVR und seiner Partnerorganisationen. „Wer nichts wagt, der nichts gewinnt“ und „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“ haben beide ihre Gültigkeit. Risikokompetenz bedeutet, die optimale Strategie zu nutzen.

Literatur
Michael Geiler: Risiko: Lexikon Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit - Version 16 - Universum Verlag, Wiesbaden 2013
Rüdiger Trimpop: Risiko: Lexikon der Psychologie, Heidelberg 2001
Rüdiger Trimpop: Risikooptimierung: Ein Konzept zur Erhöhung angewandter Sicherheitsarbeit durch Risikokompetenzerwerb, 18. Workshop „Psychologie der Arbeitssicherheit und Gesundheit 2014“ in Dresden

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